VERRAT (AT)

„ES HÄNGT EIN GRAUSCHLEIER ÜBER DER STADT“ 

Ein performativ-dokumentarisches Langzeitprojekt zu Verrat, Vertrauen und den Nachwirkungen der DDR-Staatssicherheit bis in die Gegenwart. 

Ausgangspunkt des Projekts ist die Frage, wie sich Überwachung, Denunziation und ideologische Loyalität in die Biografien und Körper von Menschen eingeschrieben haben – und wie diese Erfahrungen bis heute gesellschaftliches Vertrauen, politische Haltungen und demokratische Prozesse prägen. 1989 zählte die DDR rund 91.000 hauptamtliche und 189.000 inoffizielle Mitarbeiter:innen des Ministeriums für Staatssicherheit – bei 17 Millionen Einwohner:innen. Die Öffnung der Stasi-Akten offenbarte tiefe Vertrauensbrüche innerhalb von Familien, Freundeskreisen und Kollegien. Viele dieser Verletzungen wirken bis heute fort.

 VERRAT (AT) untersucht die Spannungsfelder zwischen Staat und Individuum, Täter:innenschaft und Opfererfahrung, Ideologie und Biografie sowie zwischen Revolution, Wiedervereinigung und dem Gefühl der Entwertung in den 1990er-Jahren. Dabei wird die DDR-Geschichte nicht als abgeschlossener historischer Abschnitt verstanden, sondern als Teil eines andauernden gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller autoritärer Tendenzen und demokratischer Fragilität. 

Im Rahmen eines Stipendiums des Berliner Senats begann Juliane Meckert 2024 unter dem Arbeitstitel „Verrat“ gemeinsam mit Zeitzeug:innen die Nachwendezeit in den Neuen Bundesländern zu erforschen – mit Fokus auf Stasi Überwachung, Vertrauensverlust und politischer Neuorientierung. Mit Einverständnis der jeweiligen Personen beantragte sie Stasi-Akten, auch zu ehemaligen inoffiziellen Mitarbeiter:innen (IMs), und führte Gespräche mit politischen Häftlingen, Bespitzelten, Oppositionellen, MfS-Mitarbeitenden, IMs sowie deren Kindern und Enkel:innen. Die Aufarbeitung ist nicht abgeschlossen, die Folgen bleiben präsent – auch transgenerational.

DREI SPIEL UND DISKURS-FORMATE (2025)

In Kooperation mit der Brotfabrik (als geschichtsträchtiger Ort zum Thema) fanden drei öffentliche, partizipative Diskursveranstaltungen statt:

1. Ausgleich und Gerechtigkeit – Täter und Opfer (21.09. 2025)
2.
Vertrauen und Macht – Die Sehnsucht nach dem starken Staat (03.10. 2025)
3.
Demütigung und Identität – Ostdeutschland zwischen 1962 und heute (02.11. 2025)

Die Formate verbanden Zeitzeug:innengespräche, wissenschaftliche Impulse, szenische Interventionen, Musik, performative Elemente und moderierte Dialogräume. Sie waren/sind eigenständige Veranstaltungen und zugleich künstlerisches Forschungsmaterial für die geplante Inszenierung. Ein zentrales Element ist ein anonymer Fragebogen zu Themen wie Schuld, Vergebung, Identität, Verrat und Vertrauen. Der Fragebogen ist weiterhin online zugänglich und wurde bislang von 73 Personen ausgefüllt. Die vielstimmigen Antworten bilden eine dokumentarische Grundlage für die weitere künstlerische Entwicklung.

KÜNSTLERISCHE PERSPEKTIVE / AUSBLICK 2027

Für 2027 ist eine performative Inszenierung geplant, die dokumentarisches Erzählen, Reenactment, partizipative Elemente und ortsspezifische Intervention verbindet. Kooperationpartner ist die Stasizentrale /Campus für Demokratie. Im Zentrum steht das Bild eines „Dorfes MfS“ – ein begehbarer Erinnerungsraum, der Kontrolle, Ideologie und informelle Machtstrukturen sinnlich erfahrbar macht und zugleich dekonstruiert. Zeitzeug:innen, Schauspieler:innen und dokumentarisches Material verschränken sich zu einer multiperspektivischen Auseinandersetzung mit der Frage: Was bedeutet Verrat – individuell, politisch, historisch – und wie lässt sich Vertrauen neu denken? 

Es entsteht auf dem Gelände der ehemaligen Stasizentrale als begehbarer Theaterraum den Zeitzeug:innen und Schauspieler:innen bespielen und wird durch ein Reenactment der Stasibesetzung 1990 während der Inszenierung aufgelöst. Das Projekt versteht sich als Schnittstelle zwischen künstlerischer Forschung, Erinnerungskultur und demokratischer Praxis. Es schafft Räume für Dialog zwischen Generationen und Erfahrungswelten und fragt, 37 Jahre nach der Friedlichen Revolution, nach der Möglichkeit eines produktiven Erinnerns. 

Gerade vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Debatten halten wir es für besonders wichtig, dass ostdeutsche Perspektiven ihre Geschichte selbst erzählen und aufarbeiten können – statt von außen beschrieben zu werden oder pauschalen Zuschreibungen wie einer angeblichen Demokratieunfähigkeit ausgesetzt zu sein. Erinnerung bedeutet hier auch, die eigene Geschichte zu schreiben und damit aktiv und sichtbar an der deutschen Geschichtsschreibung und an einem demokratischen, vielstimmigen Aufarbeitungsprozess teilzuhaben.

Verrat (AT) ist eine vielstimmige Spurensuche, die Geschichte und Gegenwart verwebt. Das Projekt greift aktuelle (inter-)nationale Diskurse auf – etwa zu Diktatur Aufarbeitung, Täter-Opfer-Ausgleich, transgenerativer Traumaforschung, Populismus und der Fragilität demokratischer Kultur. 


KOOPERATIONSPARTNER

Das Projekt hat vier relevante, große Kooperationspartner, die einerseits Proberaum und Aufführungsraum zur Verfügung stellen, andererseits durch ihre Netzwerke mit /Werbung/ Öffentlichkeitsarbeit sowie ihr Publikum und ihre Spezialist:innen das Projekt bereichern und unterstützen die Brotfabrik, die Stasi Zentrale - der Campus für Demokratie - und die Robert Havemann Gesellschaft sowie den Verein Bürgerkomitee „15. Januar“ e.V. . Alle vier sind historisch mit dem Thema verbunden. Während die Brotfabrik Szene-Ort der 90er Jahre war und vor der Friedlichen Revolution Oppositionellen künstlerischen Raum gab, war die Stasi-Zentrale das Zentrum der Staatssicherheit der DDR. Heute befinden sich dort das Stasi-Unterlagen-Archiv (Haus 7) und die Havemann Gesellschaft (Haus 17) mit dem Oppositionsarchiv, sovie der Verein des Bürgerkomitee 15. Januar, die das Projekt inhaltlich begleiten und mit Archivmaterial unterstützen, gleichzeitig findet auf dem Campus die Inszenierung statt. Für die drei Diskurs Veranstaltungen stellte die Brotfabrik Ihre Räumlichkeiten zur Verfügung.


VERRAT (AT)

„ES HÄNGT EIN GRAUSCHLEIER ÜBER DER STADT“ 

Ein performativ-dokumentarisches Langzeitprojekt zu Verrat, Vertrauen und den Nachwirkungen der DDR-Staatssicherheit bis in die Gegenwart.